STORIES ON DISABLEDPLANET

 

 


Die Operation (Teil 1)


Mein Becken und meine beiden Oberschenkel stecken unter einem Gipspanzer. Ich weiss, nicht mehr lange. Morgen habe ich einen Operationstermin.

Gerade hat die Visite begonnen. Der Arzt kommt zu mir ans Bett und fragt nach meinem Wohlbefinden. Dann sagt er, dass sie mich, sobald die Visite fertig ist, abholen werden um einige letzten Untersuchungen und Vorbereitungen zu treffen für meine morgige Operation. Ich treffe dann auch meinen Arzt der mich morgen operieren wird.

Wie besprochen kommen 2 Schwestern in mein Zimmer nach der besagten Visite. Sie lösen die Feststeller meines Bettes und fuhren mich aus dem Zimmer. Sie rollen mein Bett durch einen langen Gang, dann geht es mit einem Lift in das Erdgeschoss wo sich unter anderem auch das Gipszimmer befindet. Dort begrüsst mich der Gipsassistent. Nun kommt der Gips endgültig runter meint er und fing an den Gips zu zersägen.

Endlich bin ich befreit von diesem Panzer. Der Gipsassistent hat mir geraten mich nicht versuchen zu bewegen, sonst würden sich höllische Schmerzen einstellen. Dies tut es auch, als mein Unterleib gewaschen wird. Als man alles zu rasieren anfing bekomme ich ein Schmerzmittel verpasst. Dies führt zu einer Milderung der Schmerzen.

Völlig nackt und rasiert, nur mit einem Tuch bedeckt werde ich nun in den CT-Raum gebracht um zu sehen, ob man die morgige Operation auch planmässig durchführen kann. Ich bin froh, dass man mich eine Weile in Ruhe lässt. Bald aber kommt der Arzt zu mir und sagt nur: "Wir können also morgen wie geplant die Operation durchführen. Ich beschreibe ihnen nun wie in der Operation vorgegangen werden muss.

Als erstes müssen wir Ihnen beide Beine amputieren. Dies erfolgt als sogenannte Hüftexartikulation. Dies bedeutet, dass wir die Beine durch die Hüftgelenke amputieren. Es ist daher nicht nötig einen Knochen zu durchsägen."

Nun malt er mit einem Filz eine Linie in meine Haut. Diese soll die Schnittführung darstellen.

"Nun müssen wir schauen, dass Ihre Blutversorgung einwandfrei arbeiten kann. Ihre zwei grossen Beinwunden werden jetzt vorbereitet damit wir nun weiter vorgehen können. Zuerst werden wir von den 2 Beinwunden her die Geschlechtsteile und der Bauchraum freilegen."

Dazu malt er wieder Linien auf meinen Unterleib. Eine Linie befindet sich Unterhalb des Hodensacks. Diese verbindet die beiden Beinwunden miteinander. Auf beiden Beckenseiten führen nun Linien von den Beinlinien direkt bis zum oberen spürbaren Ende meines Beckens. Eine weitere liegt vom Penis bis zum Bauchnabel. Mit diesem Schnitt werde ich von den Geschlechtsteilen befreit, meint er.

"Nun haben wir auf dem Bauch zwei grosse Lappen, die wir später verwenden können den Stumpf zu formen. Sie werden einfach hochgeklappt. Nach der Lösung des Darmes können wir daran gehen das Becken zu entfernen. Dazu muss es in drei Teile zersägt werden, damit man besser an den Arterien, Venen und Nerven vorbeikommt. Auch die Wirbelsäule wird von dieser Seite her durchsägt. Wir müssen sie ein ganzes Stück weiter oben durchtrennen, damit wir später sicher sind, dass wir alles entfernt haben was vom Tumor angegriffen wurde. So liegt das Ende der Wirbelsäule etwa 20cm höher als der Stumpf.


Nun kommt der schwierigste Teil der ganzen Operation. Die Blutgefässe müssen so versorgt werden, dass ich später trotzdem einen Kreislauf habe. Ebenso muss der Stumpf geformt werden der nun einen künstlichen Darm- und Blasenausgang tragen muss. Der Darm muss entsprechend gekürzt werden."


So, das war ein kurzer Einblick in die morgige Operation. Der Arzt sagt mir noch, dass die ganze Operation etwa 40 Stunden dauern wird.

In einem Behandlungszimmer werde ich wieder geschient um mir Schmerzen bei ungewollter Bewegung zu mildern.


Am nächsten Morgen werde ich ziemlich früh aus dem Zimmer geholt. Einige Zeit nach der Operation werde ich ohnehin auf der Intensivstation verbringen müssen. So werde ich dieses Zimmer nicht mehr so schnell wiedersehen.

Ich werde nun in den Vorbereitungsraum des Op's geführt wo ich umgebettet werde und Eine Injektionsnadel in den oberen Rücken erhalte. Es wird entschieden, dass ich für die ersten 20 Stunden eine Rückenmarkanästhesie bekomme und erst danach eine Vollnarkose. So sind die Auswirkungen der Vollnarkose nicht so schlimm.

Nun wird mir bereits das Mittel injiziert. Bald darauf verschwindet das Gefühl unterhalb meiner Arme. Dies bewirkt auch, dass mir das Atmen immer schwerer fällt. So erhalte ich eine Maske die mich künstlich weiteratmen lässt. Nun ist auch der Zeitpunkt wo ich in den Op geschoben werde. Vorher wird aber mein Unterleib von den Schienen befreit und grossflächig desinfiziert.

Im Op dann begrüsste mich eine ganze Anzahl von Arzten sowie Assistenten und Schwestern. Mein Oberkörper wird nun mit einem grünen Tuch abgedeckt.

Die Operation beginnt nun. Die Gespräche der Chirurgen bekomme ich voll mit, denn ich bin ja Wach. Nun wird mein linkes Bein amputiert. Der Operateur führt das Skalpell und verlangt immer wieder Tupfer und Klemmen.

Plötzlich sehe ich über die Abdeckung wie mein Bein senkrecht in die Höhe gehalten wird. Kurz darauf bemerke ich wie es sich vom meinem Körper loslöste. Es baumelt in der Hand des Assistenzarztes. Nun plumst es mit einem dumpfen Ton in einen Behälter der sich ausserhalb meines Sichtbereichs vorhanden war.

Nun weiss ich: Das linke Bein ist nicht mehr an meinem Körper.

Nun das selbe Spiel auch mit dem rechten Bein. Zuerst das Gespräch der Operateure. Dann sehe ich auch wie das rechte Bein aus dem Becken herausgekugelt wird. Es wird ebenfalls in diesen Behälter gelegt. Danach wird weiteroperiert. Ich denke, jetzt wird mein Unterleib föllig ausgeräumt. Immer wieder die Forderung nach neuen Blutkonserven. Einige Stunden geht das so und ich bekomme nur mit wie die Operateure wieder nach einem Besteck verlangten.

Nach etwa 15 Stunden die mir sehr lang vorkommen höre ich plötzlich die Knochensäge. Etwa 1 ganze Stunde vibriert mein Körper sehr stark. Nach und nach höre ich wie Knochenteile in den Eimer geworfen werden. So jetzt haben sie mir das Becken entfernt denke ich mir. Jetzt wird es wieder für eine Weile ruhiger. Dann nochmals die Knochensäge. Aha, die Wirbelsäule.
Als diese nun in den Kessel sackt wird mir gesagt, dass die Operation bis jetzt sehr gut verlaufen sei, aber nun werde ich einer Vollnarkose unterzogen.

Bald schon schlafe ich ein.

Danach bekomme ich natürlich von der Operation nichts mehr mit.

Nach weiteren 20 Stunden im OP wache ich auf der Intensivstation auf.

Obwohl ich unter starken Schmerzmittel stehe, sind meine Schmerzen fast unerträglich. Ich kann nicht sagen ob ich überhaupt amputiert worden bin. Mein Unterleib spüre ich vor lauter Schmerzen gar nicht.

Neben mir beugt sich der Arzt über mir. Er sagt, dass alles plangemäss verlaufen sei. Dennoch könne man noch nicht sagen, dass ich alles überstanden habe. Mein Kreislauf muss jetzt alles mitmachen und sich stabilisieren. Deshalb muss ich  mindestens weitere 2 Wochen auf der Intensivstation verbringen. Ich werde künstlich ernährt und auch küstlich beatmet. Mein Herzrythmus wird laufend überwacht.

Der Arzt gibt mir einige Daten der Operation bekannt. Mehr als die Hälfte meines Körpers wurde mir amputiert. Mein Blutgehalt sei auf etwa 3Liter gesunken.

Erstmals kann ich mich mit dem Spiegel begutachten.
Unterhalb der Brustwarzen fängt ein dicker weisser Verband an. Etwa gute 20cm weiter unten ist er schon wieder fertig. Wo einst mein Unterleib war kommen jetzt einige Schläuche aus dem Verband hervor. Von meinem restlichen Körper darunter ist nichts mehr vorhanden.

Nun bekomme ich den ersten Verbandswechsel. Zu diesem Zweck wird mir zusätzlich noch eine Dosis Morphium verabreicht, damit ich die Schmerzen aushalten kann. Mit einer Schere schneidet mir die Schwester behutsam den alten Verband durch um ihn möglichst schonend vom Stumpf zu entfernen. Obwohl ich mich nicht so sehr sehen kann, begreife ich, dass hier unzählige Nähte sein müssen in meiner Haut. In den Öffnungen der Blase und des Darmes sind im Moment noch Schläuche eingeführt. Später werden diese durch Beutel ersetzt. Diese Beutel werde ich in Zukunft einige Male am Tag ersetzen müssen. Aber im Moment brauche ich daran nicht zu denken.

Mir ist nun klar, dass ich nie mehr laufen kann und auch keine Kinder mehr zeugen kann. Denn meine Geschlechtsteile sind mir entfernt worden.

Meine erste Nacht nach der Hemicorporektomie ist eine schlimme Nacht. Wegen der grausamen Schmerzen an meinem Unterleibstumpf kann ich gar nicht schlafen. Ich denke die ganze Zeit über mein zukünftiges Leben ohne Unterleib nach.

Aber mit der Zeit bessert sich das. Langsam lassen die Schmerzen nach. Nach 2 Wochen werden mir die Schläuche an den Ausgängen entfernt und durch die Beutel ersetzt. Langsam muss ich auch wieder feste Nahrung zu mir nehemen. Am Anfang war eine spezielle Nahrung vorgesehen damit sich mein Magen wieder ans normale Essen gewöhnen kann. Allerdings ganz normal wird sie niemals sein.

Nun in der 3. Woche nach der Operation werde ich von der Intensivstation wieder auf die allgemeine Station zurückverlegt.
In meinem neuen Zimmer liegt noch ein Patient. Dieser hat jedenfalls noch alle Gliedmassen soweit ich das erkennen kann.

Ich glaube, er hat gar nicht bemerkt was mit mir los ist. Erst bei meinem Verbandwechsel schaut er ziemlich verdutz zu mir rüber. Mittlerweile ist das für mich schon fast Routine. Die Schmerzen sind auch nicht mehr so extrem. Es geht mir den Umständen entsprechend gut.

Nun ist die Prozedur fertig. Mein neuer Verband ist sauber angelegt und die beiden Beutel erneuert.

Zeit für ein Gespräch mit meinem Zimmernachbar. Ich frage ihn was mit ihm los sei, dass er im Krankenhaus sein müsse. Man spürt, dass er sehr gehemmt ist. Er ist offenbar mit meinem Anblick etwas überfordert. Dennoch, nach einigen Zögern sagt er mir, dass er Knochenkrebs an seinem linken Unterschenkel habe. Er sei gerade untersucht worden. Er musste erfahren, dass die Chemoterapie nich genügend angesprochen habe. Nächste Woche muss er sein linker Unterschenkel amputieren lassen.

Nun fange ich an ihm meine Geschichte zu schildern.

"Vor etwa 2 Monaten bekam ich irgendwie komiesche Schmerzen in meinem Unterleib. Anfangs war es vergleichbar mit Muskelkater. Mit der Zeit wurden diese Schmerzen immer heftiger, so dass ich meine Hüften immer schlechter bewegen konnte.

Schliesslich entschied ich mich zu meinem Hausarzt zu gehen. Anfangs ging er von einer Art Rheuma aus und verschrieb mir entsprechende Mittel. Aber die Schmerzen wurden immer schlimmer. Bald taten mir nicht nur die Bewegungen weh. Mehr und mehr schmerzte alles was um mein Becken so abging.

Schliesslich entschloss sich der Arzt mal im Spital eine CT zu machen. Auch andere Untersuchungen fanden dann auch statt um wirklich herauszufinden woher diese Schmerzen kommen.

Von da an war ich froh im Spital liegen zu können, denn ich konnte kaum mehr laufen.

2 Tage vergingen bis alle Untersuchungsergebnisse vorlagen. Mittlerweile bekam ich eine Schiene verpasst damit ich mich nicht mehr bewegen musste.

Gespannt war ich auf die Ergebnisse die mir der Arzt dann mitteilte. Ich ahnte irgendwie schon, dass es sich um einen Tumor handeln könnte. Und tatsächlich, was der Arzt mir da mitteilte hörte sich an wie bei einem Horrorkabinett.

Er sagte mir folgendes:
Nun, wir haben wir die Untersuchungsergebnisse zusammengestellt und können nun ziemlich genau sagen was zu diesen extremen Schmerzen geführt hat. Es befinden sich mehrere bösartige Tumore im Beckenknochen. Leider sind auch die Lendenwirbel betroffen.

Wir können zwar noch versuchen eine Chemoterapie und Bestrahlungen durchführen, aber die Chance ist gering, dass die Tumore ganz verschwinden. Es gibt nur eine einzige Möglichkeit den Tumoren einhalt zu gebeten. Wir müssen alle betroffenen Knochenteile entfernen. Da fast das ganze Becken betroffen ist und auch noch ein Teil der Wirbelsäule muss das ganze Becken und der entsprechende Teil der Wirbelsäule entfernt werden. Das ist einmal sicher.

Jetzt eröffnen sich aber 2 Möglichkeiten:

Wir entfernen alle Knochen und setzen Ihnen ein künstliches Becken ein das aus Titan besteht und auch die Verbindung zur Wirbelsäule herstellen kann.
Vorteil:
Organe können so alle erhalten bleiben sofern sie nicht auch in Mitleidenschaft gezogen worden sind.
Nachteil:
Die Beine sind gelähmt und das Becken ist versteift.

Oder die 2. Möglichkeit die aber vielleicht etwas zu weit gehen kann: Wir entfernen nicht nur die betroffenen Knochen, sondern auch das Gewebe das diese umgibt.
Im Klartext bedeutet das eine komplette Amputation der betroffenen Teile. Es klingt vielleicht etwas verrückt aber es handelt sich hier um eine Unterleibsamputation.

Im einzelnen sieht dies wie folgt aus:
Die Amputation erfolgt etwas unterhalb des Bauchnabels. Alles was sich hier im Beckenraum befindet wird entfernt. Natürlich werden dabei auch die Beine entfernt werden müssen. Die äusseren Geschlechtsteile werden ebenfalls amputiert. Das bedeutet aber auch, dass Sie für den Rest Ihres Lebens zeugungsunfähig sein werden.......

Der Arzt erzählte mir noch einige weitere Sachen die mein zukünftiges Leben einschränken werden. Aber ich habe dann gar nicht mehr richtig zugehört, denn ich wusste, dass sich mein Leben so oder so stark ändern wird wie auch immer ich mich entscheide. Wenn ich nichts gegen diese Tumore unternehme habe ich keine Chance zu überleben. Die besten Überlebenschancen seien mit der radikalsten Lösung (Hemicorporektomie = unterleibsamputation) sichergestellt, soviel habe ich mitbekommen.

Nun brütete ich meine Entscheidung zusammen. Da ich ein technisch logisch denkender Mensch bin wurde mir bald klar. "Ich will überleben, koste es was es wolle!!"

Die Entscheidung war somit klar. Ich wollte eine Hemicorporektomie.

Die Operation war schon ein extremer Eingriff in meinen Körper. Mittlerweile ist es schon die dritte Woche noach der Operation und ich musste bis heute auf der Intensivstation verbringen.

Obwohl ich nicht am ganzen Stumpf ein Gefühl habe, waren die Schmerzen unmittelbar nach der Amputaion ziemlich schrecklich. Aber mittlerweile geht es mir so gut wie lange nicht mehr. Ich bin nun sehr froh diesen Schritt gewagt zu haben.

Natürlich kommt noch einiges auf mich zu. Es ist aber nichts gegen das was ich in den letzen5 Wochen erlebt habe."

Der andere patient hört mir die ganze Zeit aufmerksam zu und wirkte schon erleichtert, dass ihm "nur" der linke Unterschenkel amputiert werden soll.

"Nun, du hast es einfacher, du kannst später wieder laufen ohne dass es jemand richtig bemerken wird, dass du eine Prothese trägst. Bei mir hingegen ist es definitiv nicht mehr möglich, dass ich je wieder laufen kann. Da fehlt einfach zuviel. Eigentlich bin ich froh darüber, dass es so eindeutig ist. So werde ich nicht durch falsche Hoffnungen enttäuscht."

Seine Operation soll morgen früh stattfinden. Wir merken fast nicht, dass es schon spät am Abend ist.

Trotzdem schlafe ich ein. Mittlerweile habe ich meinen guten Schlaf wieder zurückgewonnen. So bemerke ich am nächsten Morgen gar nicht wie mein Zimmernachbar aus dem Zimmer geholt wird. Eigentlich schade. Ich hate so keine Gelegenheuit alles gute zu wünschen. Leider muss auch er zuerst auf die Intensivstation, denn es gab Probleme bei der Operation. Meine Schwester hat mir dann erzählt, dass ihm nicht nur der Unterschenkel amputiert worden ist. Er bekam eine Hemipelvektomie das soviel heisst wie Amputation der linken Beckenhälfte. Die Ärzte hatten es vorher einfach übersehen, dass sein Tumor sich bereits Ableger in der linken Beckenhälfte festsetzte.

Da ich nicht mobil bin kann ich ihn leider auch nicht besuchen. Das geht auf der Intensivstation sowieso nicht, da hier nur Angehörige eintreten dürfen. Sobald ich aber etwas mobiler bin denke ich werde ich ihn besuchen. Leider wird nichts mehr daraus, denn er konnte das Krankenhaus früher verlassen als ich.

Etwa 6 Wochen nach der Operation erhalte ich eine Prothese die mir erlaubt im Rollstuhl sitzen zu können. Diese soll ähnlich aussehen wie ein Korsett. Da ich eine kürzere Wirbelsäule besitze gibt es kein Halt am unteren Teil meines Körpers. So muss sich die Prothese eben am Oberkörper den Halt suchen.

Dazu muss man ein Gipsabdruck meines Stumpes machen. Dazu werde ich wieder einmal in den Gipsraum geschoben wo mich der Gipsassistent bereits erwartet.

Er sagt ganz locker. "Na heute brauchen wir ja nicht mehr so viel Gips wie das letzte Mal. Sie sind ja viel kleiner geworden. ". Trotz meines extremen Verlustes konnte ich darüber lachen. Erstaunlicherweise macht mir das ganze gar nicht so viel aus. Vielleicht liegt das auch daran, dass ich gut versorgt werde und nun die Schmerzen nicht mehr so gross sind. Denn auch vor meiner Hemicorporektomie hatte ich unerträgliche Schmerzen. Die jetzigen Schmerzen sind ja kein Vergleich mehr. So gesehen geht es mir zur Zeit so gut wie schon lange nicht mehr. Und das obwohl ich meinen halben Körper verloren habe.

Zuerst werden noch die beiden Beutel ausgetauscht. Dann zieht mir der Gipser einen Strumpf uber meinen Körper bis unter meine Achselhöhlen. Einige markannte Stellen wie zum beispiel die beiden Öffnungen werden nun markiert. Diese werden auf dem Gips sichtbar. So können die Öffnungen direkt in die Prothese eingeplant werden.

An dem Strumpf den ich anhabe werde ich nun an einen kleinen Hebelift aufgehängt wie ein Wäschestück. So kommen die Gipser besser dazu mich einzugipsen und ausserdem ist so garantiert, dass der Strumpf straff genug an meiner Haut anliegt.

In der Zwischenzeit bereitet die Schwester die Gipslongetten und Binden vor.

Nun sehe ich in einem Spiegel der gegnüber im Raum steht wie kurz mein Körper geworden ist. Dies blieb mir vorher mehr oder weniger verborgen. Ich kann ja nicht mehr alles fühlen an meinem Körper, da die Wirbelsäule noch einiges kürzer ist als mein Körper. Die Muskeln die meine neu geformten Körperöffnungen umgeben sind gelähmt. Das bedeutet, dass ich meinen Stuhlgang nie kontrollieren kann. Ich lasse meine Arme gerade nach unten hängen und sehe, dass mein Körper gerade mal bis zu den Ellenbogen reicht. Meingott sieht mein Körper jetzt komisch aus, denke ich. Nun muss ich beide Arme hochhalten damit mein Körper besser zugänglich ist.

Jetzt beginnen der Gipser und die Schwester damit mir Gipslongetten auf die Brust zu streichen. Damit arbeiten sie sich langsam hinunter bis zum Stumpf. Longetten um Longetten werden verarbeitet. Mit Gipsbinden wird das Ganze erweitert bis mein ganzer Rumpf fest in der weissen Masse verarbeitet ist. Damit dieser Gipsverband sich nicht wieder zerlegt wenn er wieder von meinem Körper entfernt wird ist er etwa 1.5cm dick ausgeführt.


Nachdem mein Gips wieder entfernt wird heisst es wieder das Bett hüten. Ich freue mich auf die Prothese wie eijn kleines Kind. Da wird es endlich möglich sein mich wieder etwas freier bewegen zu können. Das war ja schon mehr als 2 Monate nicht mehr möglich. Schon mehrere Wochen vor meiner Amputation konnte ich das Bett nicht mehr verlassen weil mein Becken so kaputt war, dass sie es mit Gips versteifen mussten.

Nun beginnt auch eine abwechslungsreichere Zeit. Ich muss meinen Oberkörper stärken, damit ich mich dann auch im Rollstuhl halten kann. Besonders die Arme möchte ich mir trainieren damit ich vielleicht mal auf ihnen laufen kann. Aber so richtig geht das erst aus dem Rollstuhl.

Vorerst werde ich immer wieder in die senkrechte Lage gebracht, damit ich mich auch wieder an eine dauerhafte sitzende Stellung gewöhnen kann. Dabei wird mir von einer Physioterapeutin immer wieder mein Oberkörper massiert. Schon nach kurzer Zeit geht es mir körperlich besser als je zuvor. Und das obwohl ich keinen Unterleib mehr habe.


Endlich ist es soweit:

Mein Bett wird nun in die Orthopädie Station geschoben.

In diesem Raum werde ich bereits erwartet. Verschiedene Orthopäden und Schwestern begrüssen mich. Auch für diese Leute bin ich ein äusserst seltener Fall.

Ich sehe bereits ein schöner neuer Rollstuhl und meine zukünftige Bauchprothese. Ich werde nun auf die Liege verfrachtet die sich in diesem Raum befindet.

Nun erklärt mir der Orthopäde die neue Prothese. Diese sieht wirklich toll aus. Der obere Teil ist aus Plexiglas das einige frosse Löcher enthält. Das Material sei eine Weltneuheit. Es kann direkt auf der Haut getragen werden ohne das Reibstellen entstehen. Schwitzen sei unmöglich da das Material mitatmen kann. Das obwohl es glänzt und so fest ist wie Plexiglas. Das ganze ist so gelenkig, dass mir ein einwandfreies Atmen garantiert ist. Dennoch ist sie sehr stabil.

Im Stumpfbereich ist sie mit blauem Leder ausgepolstert und hat nach unten die Öffnungen die für meine Beutel nötig sind eingelassen. Diese werden wunderbar in den Bauchraum versorgt.

Der Rollstuhl ist auch etwas modifiziert und kann diese Prothese leicht aufnehmen. Eine richtige Sitzfläche besitzt er nicht. Vielmehr trägt er eine Schale die genau so geformt ist, dass meine Prothese eingebaut werden kann. Somit wird der Ganze Rollstuhl zu meiner Prothese. Aber nicht dass ich dann eingemauert bin in dieser Prothese. Ich staune nicht schlecht als mir der Orthopäde die vielen Variabilitäten des Gefährts erklärt.

Eine tolle Sache. Ich freue mich schon jetzt auf die erste Fahrt mit diesem Rollstuhl.

Nach einiger Anpasszeit ist es endlich soweit. ich liege mit meiner Prothese da und werde nun in den Rollstuhl gehievt. Ein tolles Gefühl. Nun fängt mein neues Leben an.

Schon bald fühle ich mich sicher genug in diesem Rollstuhl. Ich möchte ihn nicht mehr so gerne wieder verlassen . Zum Glück habe ich vorher die aufrechte Haltung üben können.

Obwohl ich schnell müde werde in den Händen will ich im Rollstuhl sitzend in mein Zimmer zurück. Da mich ja Schwestern begleiten stimmen sie dem zu. Aber bald einmal, schon wenige Meter im Gang verliessen mich meine Kräfte in den Armen. So werde ich halt geschoben.

Als ich im Bett gelegen habe, fiel mein Körper nicht so stark auf. So wundere ich mich zuerst schon über die komischen Blicke anderer Patienten. Aber schnell wird mir bewusst. Wem fehlt den schon der halbe Körper.

Meine Tage im Spital sind auch schon gezählt. Etwa 10 Wochen am Stück war ich im Spital und einige weitere werden in einer Rehaklinik folgen. Dort werde ich auf ein Leben mit meiner Behinderung vorbereitet.

Nachuntersuchungen zeigen dann auch, dass ich vom Tumor befreit bin.
 
Fortsetzung folgt.

from: Martin, 34, male, CH.
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